Herabschauender Hund: Wann wird er entspannend?!

Es könnte durchaus sein, dass manche Teilnehmer aus meinen Anfängerkursen mir im Stillen gern mal einen Vogel gezeigt hätten. Ungläubiges Gelächter gab es jedenfalls mehrmals:

„Irgendwann wird der herabschauende Hund zu einer entspannten Asana.“

Alles klar …!?

Ruhehaltung im Flow

Der herabschauende Hund gilt als Ruhehaltung in der Vinyasa-Abfolge. Aber ist ein solches Versprechen wirklich einlösbar? Ja, unter gewissen Bedingungen. Eine regelmäßige Yogapraxis ist eine davon. Das sich von Beginn an zu entwickelnde Gefühl für die Ausrichtung im herabschauenden Hund das andere.

herabschauender Hund
© Jacqueline Kulka / jKnOw photo design

Richtig und Falsch im Yoga

Im Yoga sagen wir ja gern, dass es kein Richtig oder Falsch gibt. Die Idee dahinter ist, dass jeder alles in sich trägt, was er für die Yogapraxis braucht und sein eigenes Tempo bestimmen soll. Dem ist nichts entgegenzusetzen.

Dennoch halte ich diese Richtig-/Falsch-Aussage für nur bedingt haltbar. Wenn jemand eine Asana in einer Form einnimmt, mit der er sich vielleicht mittel- bis langfristig eine Verletzung zuzieht, dann ist die Ausrichtung eben doch „falsch“. Gerade Menschen, bei denen das eigene Körpergefühl (noch) nicht sonderlich ausgeprägt ist, die aus anderen, vielleicht einseitigen Sportarten kommen oder schlicht keinen Bezug zu der „yogischen Bewegungsform“ haben, brauchen von Anfang an eine stimmige Anleitung.

Gewöhnen wir uns eine dauerhaft schädigende Haltung an, ist es umso schwerer, sich später von dieser Gewohnheit zu lösen.

Unterstützung in den Asanas

Trotzdem spreche ich selbst nie von Korrektur, sondern von Unterstützung. Es geht in meinen Augen um ein individuelles und achtsames Unterstützen der Schülerin oder des Schülers. Ziel ist zum einen, ein Gespür für die Ausrichtung zu entwickeln. Zum anderen hat jede/r auf diese Weise die Chance festzustellen, dass die vermeintliche persönliche Grenze möglicherweise einer mentalen Blockade geschuldet ist, denn einer tatsächlichen vorhandenen körperlichen Begrenzung.

Ausrichtung im herabschauenden Hund

Der herabschauende Hund ist ein gutes Beispiel für das o. g. Thema. Aus mangelnder Flexibilität und Kraft heraus, wird zu Beginn der Yogapraxis oft eine Art Schonhaltung eingenommen: Schultern einengen, Rücken runden, Nacken stauchen. Mit ein paar zentralen Ansagen von Anfang an, kann das Gefühl für die Ausrichtung im herabschauenden Hund entwickelt werden:

  • Aus dem Brett heraus den Körper v-förmig ausrichten; die Spitze des „V“ zeigt zum Himmel.
  • Hände schulterbreit aufstellen, Finger weit auffächern und nach vorn richten; die Erde sozusagen unter den Händen wegschieben.
  • Füße etwa hüftweit aufstellen, Fersen leicht nach außen tendiert.
  • Lieber die Knie zu Anfang etwas beugen, um das Becken besser nach vorn kippen und die Sitzbeinhöcker Richtung Himmel ziehen zu können. Auf diese Weise kann sich die Lendenwirbelsäule strecken. Der Rücken ist lang. Mit der Zeit dann die Beine immer mehr strecken und die Fersen zum Boden sinken lassen.
  • Schulterblätter Richtung Gesäß ziehen, Achselhöhlen zueinander rotieren, sodass sich die Oberarme auswärts drehen.
  • Ellenbogen strecken.
  • Unterarme einwärts drehen.
  • Herzraum Richtung Matte sinken lassen.
  • Der Nacken ist lang, dafür die Ohren zwischen den Armen platzieren.

HSH auf Baumstamm

Diese zentralen Ausrichtungsprinzipien helfen, um in jeder Praxiseinheit das Gefühl für den herabschauenden Hund zu verfeinern. Manchmal sind es nur winzige Anpassungen in der Bewegung, die zu tiefgreifenden Veränderungen auf körperlicher und mentaler Ebene führen.

Körperlich kann der herabschauende Hund so einiges: So kräftigt er beispielsweise Arme, Hände und Rücken und dehnt die Oberschenkelrückseiten. Einen weiterführenden Artikel über Wirkung und Aufbau des herabschauenden Hundes gibt es auf asanayoga.

Wichtig sind – und das gilt natürlich nicht nur für den herabschauenden Hund – Regelmäßigkeit in der Yogapraxis und Geduld mit sich und dem eigenen Körper. Nichts erzwingen, sondern immer wieder probieren, feine Justierungen vornehmen, hineinspüren – und die Asana geschehen lassen.

 

2 Comments

  1. Anna said:

    Hallo liebe Silke,
    vielen Dank für diesen Artikel! Der herabschauende Hund und ich – das war irgendwie immer eine Hassliebe. Rücken gerade und Fersen zu Boden? Zu Beginn für mich eine Unmöglichkeit! Bei den anderen sah es immer so toll (und auch entspannend) aus, während ich mich mit Gefühlen der Unzulänglichkeiten über meinen hässlichen Hund in Grund und Boden geschämt habe. Erst als ich damit begonnen habe, regelmäßig zu Hause Yoga zu machen und den Hund fest im Programm hatte, wurde es besser. Da konnte ich mir die Zeit nehmen, zu spüren, was in dieser Haltung wirklich ist, was sie für mich macht. Und auch wenn mein Hund immer noch nicht „perfekt“ ist und die Fersen nur fast zu Boden kommen, kann ich mich nun darin entspannen. Ich fühle, wie sich mein Rücken streckt und wie ich Tag für Tag diese Asana mehr und mehr liebe – und mit ihr auch meinen Körper mit all seinen Unzulänglichkeiten! 🙂
    Ganz liebe Grüße
    Anna

    22. August 2015
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    • Silke Schuster Silke said:

      Liebe Anna, vielen Dank für Deine schönen Worte zum herabschauenden Hund! Ich kann Deine Beschreibung absolut nachvollziehen 🙂 Gerade morgens braucht mein Hund oft etwas mehr Anlauf, bis er sich nicht mehr so „bockig“ anfühlt. Aber je wärmer der Körper ist, desto mehr lässt es sich im Hund strecken und dehnen und das fühlt sich sooo gut an! Alles Liebe, Silke

      22. August 2015
      Reply

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