Pratyahara: Ruhe durch Rückzug der Sinne

Der Mensch hat das große Glück, mit Sinnen ausgestattet zu sein.

Klassischerweise unterscheiden wir fünf Sinne:

  • Sehen
  • Riechen
  • Schmecken
  • Fühlen
  • Hören

Ich bin sehr dankbar, dass alle meine Sinne funktionieren, die meisten sogar ziemlich gut. Na gut, ich trage eine Brille, aber damit sehe ich trotzdem ganz prima – solange ich hinschauen möchte. Jedenfalls machen die Sinne mein Leben in vielen Situationen sehr lebenswert.

Es gibt keinen Ausknopf für die Sinne

Selbst wenn Deine Hände gerade nichts aktiv berühren, so ruhen sie doch z. B. auf Deinen Oberschenkeln oder der Bettdecke und Du kannst diesen Kontakt wahrnehmen. Selbst wenn Du sie in die Luft hältst, um nichts anzufassen, berühren sie eben doch die Umgebungsluft. Auch das ist spürbar.

In einer unfassbar stinkenden Umgebung kannst Du Dir die Nase zuhalten und durch den Mund atmen. Kann sein, dass Dir trotzdem übel wird.

Du kannst Dir die Finger in die Ohren stecken, um den ohrenbetäubenden Lärm von Sirenen abzudämpfen. Oder Du verwendest Ohrstöpsel, um ein überlautes Konzert zu genießen.

Steigen Dir im Yoga die Ausdünstungen des Mattennachbarn in die Nase, wird es schon schwieriger. Du kannst Dir ja schlecht bei der Praxis die Nase zuhalten. Die Kunst besteht in einem solchen Falle eher darin, den Fokus zu halten – auf Dich selbst und Deine eigene Praxis. Herausfordernd, ich weiß …

Pratyahara

Der fünfte Schritt auf dem achtgliedrigen Yogapfad ist Pratyahara, der Rückzug der Sinne. Im Kommentar von T. K. V. Desikachar im Yoga Sûtra des Patañjali (2.54.) heißt es dazu:

„Pratyāhāra geschieht, wenn der Geist in der Lage ist, seine gewählte Richtung beizubehalten und die Sinne sich nicht wie gewöhnlich mit den Objekten, die sie umgeben, verbinden. Im Zustand von pratyāhāra folgen die Sinne dem Geist in der Ausrichtung.“

Klingt erst mal schön, aber erfordert beständiges Übung und Disziplin! Beides ist übrigens auch im Yoga Sûtra zu finden. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

Bei Pratyahara werden die Sinne natürlich nicht einfach ausgeknipst. Wäre ja auch zu einfach. Sie werden vielmehr beruhigt und nach innen gerichtet. Sie sind dann nicht mehr so offen, nicht mehr „auf Alarm“ und nicht mehr mit allen möglichen Dingen verwoben.

Pratyahara hilft, dieses permanente Gerappel und die Aktivität im Kopf zu besänftigen. Alle Sinne sind noch da, aber eben nicht mehr so präsent und verbindend. Es kehrt eine besondere Form der Ruhe ein, sehr kraftvoll und erhebend, finde ich!

Pratyahara in der Yogapraxis

In meinen Yogaklassen rege ich gern dazu an, die Augen zu schließen, wann immer es sich anbietet. Bei Balancen kann das arg herausfordernd sein, ist aber auch eine Option.

Der Sehsinn ist der Sinn, der sich am ehesten „ausschalten“ lässt. Und mit einem aktiven Sinn weniger können wir schon viel besser ins Spüren kommen. Stärker bei uns selbst ankommen. Die Aufmerksamkeit mehr nach innen richten.

Denn selbst wenn in der Yogapraxis jeder bei sich selbst bleiben sollte, wandert der Blick doch mal zur Mattennachbarin. Wie setzt sie die Anleitung des Yogalehrers um? Deine Augen bewundern diese Anmut, mit der sie sich bewegt. Und schwupps, bist Du nicht mehr bei Dir, sondern womöglich längst in dieser elenden Vergleichsschiene.

Weil sich mit den eigenen Augenlidern so gut schummeln lässt, bin ich eine Freundin des „Blind Yoga“ geworden: Yoga mit Augenbinden.

Ja, es erfordert Mut. Ja, es erfordert den Willen, sich wirklich auf sich selbst einzulassen – von sich selbst wegschauen geht nicht.

Aber Du kannst Dir sicher sein, dass Du in eine tiefere, spürbarere Praxis eintauchst. Auch weil die Abläufe verlangsamt sind. Ich kann schließlich niemanden mit verbundenen Augen durch flottes Vinyasa schicken. Es ist eher Slow-Vinyasa nach eigenem Tempo.

Pause für die Sinne

Im Alltag kann es manchmal segensreich sein, einen der Sinne pausieren zu lassen. Gerade dann, wenn Dir die Welt zu laut, zu bunt, zu stinkig und einfach zu viel wird. Wir sind alle nur bis zu einem gewissen Grad belastbar und brauchen immer mal eine Pause – auch wenn alle „Höher-schneller-weiter-Verfechter“ Dir versuchen, etwas anderes zu suggerieren!

Meine Anregungen für den Alltag, um Deinen Sinnen eine Pause zu gönnen:

  • Genieße eine sanfte Yogapraxis mit geschlossenen Augen, mit Augenmaske oder einem Schal vor den Augen.
  • Nimm Dir regelmäßig (möglichst täglich) ein paar Minuten zum Meditieren. Besinne Dich dabei nur auf Deinen Atem.
  • Gehe raus in die Natur, wo Du nur von Vogelgezwitscher, Blätterrauschen und vielleicht dem Plätschern eines Baches umgeben bist und frische Luft atmen kannst.
  • Sei offline und kappe einfach mal Deine Empfangsbereitschaft.
  • Plane Deine Familienzeit nach Möglichkeit so, dass Du ab und an für eine halbe Stunde oder Stunde für Dich sein kannst. Jeder darf das mal abwechselnd.
  • Koche frisch und verzichte weitgehend auf Fertigprodukte, um Deinen Geschmackssinn zu „reinigen“.
  • Bringe Ordnung in Deine Wohnung und mache sie sauber. Das entspannt die Augen – und schafft obendrein Klarheit im Geist.
  • Pflege Deine Hände, wenn sie besonders hart arbeiten mussten.

 

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