Yoga und Achtsamkeit im Alltag: Buchtipp

Hast Du Dir auch schon das ein oder andere Mal die Frage gestellt, wie Du es bitteschön einrichten sollst, Yoga in Deinen Alltag zu holen? Also über die 90 Minuten-Klasse hinaus, die Du wöchentlich im Studio besuchst?

Inga Heckmann gibt in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Von der Kunst Yoga & Achtsamkeit im Alltag zu leben“ alltagstaugliche Tipps für mehr Achtsamkeit – ohne zusätzliche Zeit zu investieren. Denn die haben wir ja bekanntlich alle nicht!?

Achtsamkeit im Alltag

Wenn Du schon einmal voller Achtsamkeit die Bahn bestiegen oder Deine Zähne geputzt hast, wirst Du wissen, wie unbeschreiblich gut sich DER Moment anfühlen kann. Der Moment, der gerade ist. Der Moment, dem Du gerade Dein volles Bewusstsein schenkst. Ohne in Gedanken schon beim nächsten Schritt zu sein. Diese – bei den meisten von uns vermutlich recht seltenen – achtsamen Momente schaffen eine ungeheure Ruhe, Klarheit und nehmen die Drehzahlen aus unserem rasanten Alltag. Ein kleiner, aber feiner Trick.

Es geht darum, Dir in Deinem Alltag kleine „Inseln der Achtsamkeit“ zu schaffen. Diese Inseln sollen Dir nicht noch mehr Druck aufhalsen. Vielmehr sollen sie Dich in Deinem Alltag unterstützen und sich mühelos einfügen.

Ob beim Zähneputzen, Autofahren oder im Büro – es gibt immer Aktivitäten, die wir in Achtsamkeit ausführen oder in die wir Mini-Yogaeinheiten einbauen können.

Wir sollten uns besonders in stressigen Lebensphasen von dem Gedanken verabschieden, dass Yoga immer in längeren Einheiten von 90 Minuten zu geschehen hat. Das hatte ich schon in diesem Artikel erwähnt. Diese Vorstellung vergrößert unseren inneren Druck nur und integriert Yoga in den irrsinnigen Taumel von Verpflichtungen, Erwartungen und Leistungen, der in unserer Gesellschaft gängig ist.

Achtsamkeit beginnt bei der Selbstbeobachtung

Inga Heckmann bezeichnet unseren Körper als „yogische Achtsamkeits-Spielweise“. Dadurch, dass wir im Yoga den Atem beobachten und ihm folgen, entschleunigen wir automatisch. Wir lernen, wieder mehr ins Fühlen zu kommen und spüren darüber unsere körperlichen Grenzen, Veränderungen und Signale.

Zur Selbstbeobachtung gehört auch die ehrliche Antwort auf die Frage: Was hält mich eigentlich ab? Ist es wirklich immer wichtiger, noch schnell die Wäsche zu bügeln, die Nachrichten im Fernsehen zu schauen oder die Freundin zurückzurufen? Ist es nicht vielmehr angebrachter, erst ein bisschen (keine 90 Minuten!) Yoga zu machen, um bei sich anzukommen, und dann noch die Spülmaschine auszuräumen – oder die Tätigkeit einfach mal auf den nächsten Tag zu verschieben?

Inga Heckmann liefert dazu ein paar Motivationshilfen in ihrem Buch.

@ Marcella Merk Photography, München
@ Marcella Merk Photography, München

 

Über die Autorin

Weil mich interessiert hat, wer hinter dem Buch steckt, habe ich der Autorin ein paar Fragen gestellt. Ihre Antworten kannst Du hier nachlesen:

Wie äußert sich Achtsamkeit in Deinem persönlichen Alltag?

Ich bin extrem ordentlich und, naja, putzwütig geworden – früher das Chaos auf zwei Beinen, konnte man meine Spuren an Klamotten, Büchern, ungespültem Geschirr und vielen anderen schönen Dingen in der gesamte Wohnung/Haus verfolgen. Heute versuche ich das „leave no trace“-Prinzip zu leben, also meine Spuren im wahrsten Sinne des Wortes zu (ver)wischen und aufzuräumen. Kommt meiner Faulheit auch entgegen und spart eine Menge Zeit.

Ansonsten ist Achtsamkeit das stetige Pendeln zwischen den Zuständen und das Beobachten derselben: Mal bin ich achtsam in Wort und Tat, beobachte sehr genau meine Gefühle und Gedanken, dann flutsche ich wieder in „alte“ Zustände und Muster und in gewohnte, quasi-neurotische Gleise. Achtsamkeit hilft mir allerdings, dies recht schnell zu bemerken und mal kurz über mich zu lachen. Achtsamkeit ist also für mich auch ein hervorragender Humorverstärker …

Was würde Dein enges Umfeld sagen, inwieweit Dich die Yogapraxis verändert hat?

Siehe oben. Meine alten Freundinnen wussten meine Unpünktlichkeit und Chaotik durchaus nicht zu schätzen und wundern sich manchmal heute noch über den Wandel. Ansonsten geh ich mal fragen, was sie so beobachten. Allerdings sehe ich die Dinge verwoben: Ich habe die Yogapraxis aufgenommen, weil ich mich bereits im Wandel befand und dies führte zu allen möglichen anderen Dingen. Darüberhinaus ist Yoga eine gewaltige Inspiration und manche meiner Freunde konnte ich damit anstecken.

Du bist auch Musikerin. Welche Rolle spielt Musik für Dich im Yoga?

Ganz am Anfang habe ich zumindest in meinem Unterricht die Musik ausgeklammert, es gab weder Mantras noch musikalische Untermalung während der Asanas. Ich kam aus einer Lebensphase, in der ich buchstäblich zu viel um die Ohren hatte, auch Musik. Als ich mit Thomas Simmerl unser Mantra-Projekt InTo kreierte und auch Kirtans mitveranstaltete, wurde mir die Schizophrenie meines Lebens langsam klar. Manchmal dauert es eben, bis alle Teile integriert sind. Also gibt es jetzt in meinen Stunden zu Beginn ein Mantra, während der Praxis Musik und zu Beginn von Savasana auch. Musik ist einfach ein unglaublicher Katalysator und so wunderbar einsetzbar. Allerdings bin ich sehr wählerisch, ich suche die Musik sehr akribisch aus und beobachte auch die Reaktionen der Teilnehmer. Ebenso ist die Stille auch ein wichtiger Bestandteil meiner Praxis geblieben.

Abgesehen davon ist der Yogastil, den ich betreibe, nämlich Vinyasa Flow, für mich sehr tänzerisch. Ich komme eigentlich vom Tanz, habe schon mit vier Jahren Ballettunterricht bekommen und viele Jahre alle Tanzstile durchprobiert. Die Verknüpfung von Musik und Bewegung liegt mir sozusagen im Blut und fließt natürlich ins Yoga ein.

Wenn es das Leben richtig mies mit uns meint und uns ordentlich ins Straucheln bringt: Was sind Deine drei wichtigsten Achtsamkeits-/Yoga-Booster, um wieder Boden unter den Füßen zu fassen?

Das Problem am Straucheln sind ja nicht die Füße, sondern der Kopf, zumindest bei mir … Die Gedanken rasen, die Spirale dreht sich nach unten, die Angst übernimmt das Ruder, die Füße verknoten sich, die Bodenhaften gehr mal eben flöten. Den Geist beruhigen und die Gedanken-Wogen glätten ist dann die Devise. Das hilft mir:

  1. Der Atem: Jede Sekunde meines Lebens ist er da und bringt mich in die Gegenwart zurück. Ich konzentriere mich auf meine Atmung, spüre in mich hinein, und die Gedanken beruhigen sich. Manchmal atme ich ein Sat ein und ein Nam aus (Sat Nam in etwa: Ich bin Wahrheit). Hilft! Und geht auch in der U-Bahn, im Gespräch, im Lift, beim Einkaufen …
  2. Yin Yoga! Zum Beispiel einfach mal 5 Minuten in der Kinderstellung bleiben, gestützt mit Klotz, Decke, Bolster, was auch immer. Und hier wieder den Atem beobachten. Und alle schönen Widerstände, die sich gegen das Nicht-Angsthaben melden …
  3. Gitarre schnappen, wenn verfügbar und Mantras singen – fünf oder zehn Minuten Om Namah Shivaya und die Welt ist wieder in Ordnung. Wer singt, kann nicht vor sich hin grübeln. Geht natürlich auch ohne Gitarre und am allerschönsten in der Natur (das wäre der 4. Tipp: raus! Grün sehen, Bäume umarmen, durch den Schnee hoppeln …)

Vielen Dank für das Interview!

Von der Kunst Yoga Achtsamkeit im Alltag zu leben von Inga Heckmann
Von der Kunst Yoga Achtsamkeit im Alltag zu leben von Inga Heckmann

Inga Heckmann

Von der Kunst Yoga & Achtsamkeit im Alltag zu leben

Irisiana Verlag, München 2015, 155 S., ISBN 978-3-424-15294-4, € 16,99

Fazit

Die Autorin bringt ihr Anliegen lesenswert, nachvollziehbar und lebensnah rüber. Sie hat eine spritzige Schreibe und eine sympathische Art. Die liebevollen Illustrationen machen Freude und laden dazu ein, im Buch zu blättern und die ein oder andere Übung auszuprobieren – immer wieder.

Bonus für DICH!

Der Verlag hat mir freundlichweise einige Illustrationen (© Irisiana Verlag/Daphne Patellis) zur Verfügung gestellt, u. a. die für den „Abend-Flow“. Da ich es selbst nur empfehlen kann, den Tag mit ein paar sanften Asanas ausklingen zu lassen, gibt es den Flow von Inga Heckmann hier für Dich in der Bildergalerie – die Bilder von links nach rechts entsprechen der Reihenfolge der Abfolge (im Buch Seiten 68/69). Lass die einzelnen Übungen möglichst harmonisch ineinander fließen, Dein Atem verbindet sie miteinander. Und spare auf keinen Fall das „Wunder von Savasana“ aus!

 

Alle Illustrationen: © Irisiana Verlag/Daphne Patellis

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