Bauch, Herz und Hand: filigrane Selbst- und Fremdwahrnehmung

Wie kommen wir eigentlich zu unserer Selbstwahrnehmung, dem situativen Eindruck, den wir von uns selbst haben?

„Wie spüren wir etwa, dass es uns ‚gut geht‘?“

Unseren Gemütszustand können wir weder hören, noch riechen, schmecken, sehen oder ertasten und demnach nicht allein mit unseren fünf Sinnen erfassen.

Ohnehin ist hier eher die nach innen gerichtete Wahrnehmung gefragt. Etwa der Gleichgewichtssinn, der Schmerz- oder Temperatursinn. Noch mehr Informationen liefert uns die Propriozeption (Tiefensensibilität), die von Rezeptoren vor allem in unserem Bewegungsapparat stammt. So erhalten wir über Spannungszustände in Muskeln und Sehnen sowie über die Gelenkwinkelstellungen einen Eindruck von unserer Beweglichkeit. Aber auch damit ist unsere Wahrnehmung noch nicht vollständig, es fehlen zwei – nicht ganz so offensichtliche – Informationsquellen: Bauch und Herz!

Bauchhirn

Gerade durch so leicht verdauliche Bücher wie „Darm mit Charme“ von Giulia Enders bekommt das enterische Nervensystem (ENS) – das Nervengeflecht im Darm – größere Aufmerksamkeit. Dieses Geflecht, das sich mit etwa 100 Millionen Neuronen über Magen, Dünn- und Dickdarm erstreckt, verfügt über eine solche Komplexität und Funktionalität, dass man es sogar als Bauchhirn bezeichnet. Es steuert als autonomer Teil des vegetativen Nervensystems (VNS) die Peristaltik (das Bewegungsmuster des Darms), die Sekretion und Resorption sowie den Blutfluss und die immunologischen Funktionen des Verdauungstrakts. Dabei liefert es dem Gehirn über den Vagusnerv, über den die meisten inneren Organe reguliert werden, mehr Signale als es seinerseits vom Gehirn erhält. Da das ENS auch über eine große Zahl sensorischer Neuronen verfügt, ist es durchaus zutreffend, vom „Bauchgefühl“ zu sprechen. So wie die „Liebe durch den Magen geht“ oder wir „Schmetterlinge im Bauch haben“ wissen wir, wie gut es tut, etwas Warmes im Bauch zu haben und wie das unseren Gemütszustand beeinflusst.

Sonnengeflecht

Ebenfalls im Bauchraum, an der Magenrückwand, etwa auf Höhe des 12. Brustwirbels, nahe der Aorta, liegt der Solarplexus (das Sonnengeflecht). Ein Nervengeflecht, das funktional mit dem Bauchhirn verschaltet ist und als Bindeglied zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein, Körper und Seele gilt.

„Kein Wunder, dass uns ein emotionales Ereignis ‚auf den Magen schlagen‘ kann oder wir ‚aus dem Bauch heraus‘ entscheiden.“

Aus yogischer Sicht speichert das Sonnengeflecht (Manipura Chakra) das Sonnenlicht und die Atemenergie und verteilt beides im Körper.

Herzhirn

Schließlich bildet ein Geflecht aus fast 40.000 Neuronen, welches das Herz (Anahata Chakra) durchzieht, das sogenannte Herzhirn. Inzwischen weiß man, dass dieses Nervengeflecht nicht nur über den Sinusknoten den Grundtakt des Herzens vorgibt, sondern auch eigene Transmitterstoffe ausschüttet und ebenfalls über den Vagusnerv mit dem Hirn kommuniziert, wobei auch hier die Signaldichte zum Hirn höher ist als umgekehrt. Jeder, dessen Herz mal „gehüpft“ ist, einen „Aussetzer hatte“ oder „rasend vor Angst“ war, weiß, dass das Herz mit seinem Takt den gesamten Körper mit einer Grundschwingung versorgt, die uns gleichsam ein Gefühl der Ruhe wie auch der Aufregung vermitteln kann.

Elektromagnetisches Feld

Aus der Summe von Wahrnehmungen durch Sinne, Rezeptoren und Nervengeflechte ermittelt unser Gehirn ein Gesamtbild, aus dem es auch unseren Gemütszustand ableitet. Dabei kommt den Nervengeflechten eine besondere Rolle zu, denn sie erzeugen ein spürbares elektromagnetisches Feld (EM-Feld).

Dieses Feld entsteht, weil die Signalübertragung in unserem Körper auf chemisch-elektrische Weise funktioniert. Chemisch an den Synapsen – den Verbindungsstellen einzelner Neuronen – und elektrisch über die Neuronen. Da jeder elektrische Leiter, der von Strom durchflossen wird, ein EM-Feld induziert, bildet ein Nervengeflecht ein entsprechend großes Feld. Neben den elektrischen Strömen, die man mit Elektroenzephalografie (EEG, Abschrift der Gehirnströme) oder Elektrokardiogramm (EKG, Abschrift der Herzströme) messen und visualisieren kann, lässt sich auch das EM-Feld mit Elektrofeldmeter bzw. Magnetometer ermitteln. Es strahlt wie eine dreidimensionale, unsichtbare Kugel von Feldlinien um die Quelle herum und kann beim Herzen bis zu drei Meter im Durchmesser betragen. Damit ist es deutlich größer als das Feld um unser Gehirn.

Ähnlich wie das Nutzsignal bei Radio- oder Fernsehwellen auf das Trägersignal moduliert wird, überträgt das EM-Feld um unser Herz auch unsere Stimmung – im wahrsten Sinne des Wortes unsere „Ausstrahlung“. Entsprechend wirken unsere EM-Felder wie Antennen in den Raum, mit denen wir andere Energiefelder wahrnehmen können. Begegnen wir beispielsweise einem anderen Menschen, so kommt es beim Aufeinandertreffen unserer beiden Energiefelder zu einer Überlagerung – der sogenannten Interferenz – die wir als Irritation in unserem Feld registrieren. Schwingen die beiden Felder ähnlich (harmonisch), so können sie sich verstärken (Resonanz) oder andernfalls abschwächen (Dissonanz).

Auch wenn wir die Interferenz schon auf einige Meter Entfernung spüren können, erfordert es einige Übung, diese bewusst wahrzunehmen. Es ist hauptsächlich unser Unterbewusstsein, dass dieses Signal verarbeitet und – lange bevor wir es realisieren – intuitiv reagiert. Wenn wir durch diese Reaktion beispielsweise einer Gefahr entgehen, kommt uns das vor wie Hellsehen – als hätten wir einen sechsten Sinn.

Tipps zur Verfeinerung Deiner Wahrnehmung

Möchtest Du Deine energetische Wahrnehmung verfeinern oder das beschriebene für Dich selbst überprüfen, bietet es sich an, die eigenen Hände zu nutzen, um die „Antennen etwas weiter auszufahren“.

Die Hände liegen relativ nah am Herzen und sind von Adern und Nerven durchzogen, die bis in die Fingerspitzen hinein und von dort wieder zurück verlaufen. Ob nun Nerven, Nadis (feinstoffliche Energiebahnen im Yoga) oder Meridiane (nach der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) Kanäle, in denen die Lebensenergie fließt): Alles läuft dort an den Fingern im Kreis und bildet einen perfekten Empfänger.

Versuche es selbst, am besten mit ein paar Sonnengrüßen als Vorbereitung. Achte anschließend darauf, dass sich die Hände nicht berühren und komme in einen lockeren hüftbreiten Stand, mit nicht ganz durchgedrückten Knien. Die Schultern sind entspannt und die Ellenbogen angewinkelt, sodass die Unterarme und die Hände auf gleicher Höhe sind – parallel zum Boden – die Handflächen zueinander gedreht. Beginne mit einem etwas weniger als schulterbreiten Abstand zwischen den Händen. Lasse die Finger so entspannt wie beim sanften Klavierspiel und schließe die Augen.

Wahrnehmnung
© Jacqueline Kulka / jKnOw photo design

„Nach einer Weile stellt sich ein Gefühl ein, das an Magnetismus erinnert.“

Je nach Handhaltung und Abstand zwischen den Händen, kann diese Empfindung variieren. Experimentiere damit und mache Dich damit vertraut, dass es Phänomene gibt, die sich uns nicht unmittelbar analytisch erschließen, sondern nur über das Gefühl. Mit der Zeit kannst Du so Deine Intuition trainieren und lernst ihr zu vertrauen. Im zwischenmenschlichen Bereich entwickelst Du Deine Empathie – eben die filigrane Selbst- und Fremdwahrnehmung.

2 Kommentare

  1. Anka sagte:

    Und endlich habe ich eine Erklärung dafür, warum ich es spüre, wenn sich mir jemand nähert oder mich berühren will. Danke! 🙂

    24. März 2016
    Antworten
    • Dankeschön für Deine Zeilen, liebe Anka – und gern geschehen 🙂

      24. März 2016
      Antworten

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