Asanas, Atem, Geist: Raum kreieren im Yoga

Im Yoga finde ich es essenziell, sich selbst Raum zu kreieren. Körperlicher und geistiger Raum ist für mich die Voraussetzung für persönliche Entwicklung.

Warum brauchen wir Raum?

Gelassenheit, Wohlgefühl und Veränderung vollziehen sich nicht in Enge. Sie geschehen dort, wo Platz dafür ist, wo Offenheit herrscht. Und das geht nur mit einem entsprechenden Körpergefühl. Dieser Raum, diese Offenheit und Weite haben immer auch mit Präsenz und Achtsamkeit zu tun. Und sie gehen einher mit dem individuellen Bewusstsein, dass wir uns alle Raum nehmen dürfen. Den Raum, den wir brauchen, um uns zu entfalten und auszudehnen, um innerlich „aufzuräumen“ und einen Prozess der Heilung anzustoßen. Haben wir uns selbst Raum kreiert, ist dort auch Platz, um aufeinander zuzugehen und aufeinander zu achten. Die Räume verweben sich sozusagen, denn wir sind nicht allein. Empathie, Respekt, Verständnis und Miteinander entfalten sich nicht in Enge. Sie wachsen dort, wo Platz ist und der Nährboden geschaffen wurde.

Raum im Körper

Nehmen wir uns Zeit, um eine Asana Schritt für Schritt aufzubauen, dann gestalten wir uns etappenweise den Raum, den die Asana braucht und den wir selbst brauchen, um uns in ihr wohlzufühlen. Das geht umso besser, je mehr wir es zulassen, ins Fühlen zu kommen. Wenn wir spüren, wie wir die eigene Ausrichtung aufbauen. Möchten wir ein paar Atemzüge in der aufgebauten Haltung verweilen, dürfen wir es uns erlauben, dass sich Nuancen der Veränderung vollziehen. Wirklich statisch ist eine Position nie, denn der Atem bewegt.

Machen wir uns umgekehrt in bestimmten Körperbereichen eng, werden wir weder frei atmen können, noch kann sich individuelle Entwicklung einstellen. Enge, z. B. im Bereich der Schultern oder des Nackens, entsteht dann, wenn wir versuchen, eine Ansage des Yogalehrers unreflektiert umzusetzen, und wenn wir in antrainierten Mustern verharren, weil das Körpergefühl (noch) nicht ausgeprägt genug ist. Das Ganze gleicht dann mehr einem „aushalten“.

Selbstverständlich brauchen wir Stabilität, um Asanas einnehmen zu können. Manchmal braucht es an einer Stelle Kompaktheit, damit sich an anderer Stelle Weite vollziehen kann. Wir benötigen bspw. Corekraft oder müssen Schultern und Oberarme kraftvoll zueinanderbringen, um in die Krähe abheben zu können. Aber das ist keine Enge wie die oben beschriebene. Das ist eine Grundstabilität. Sie fühlt sich verlässlich und stark an, lässt aber kein Gefühl von Beklemmung aufkommen.

© Katta Zensen Photography

Atemraum

Wo es eng ist, kann der Atem nicht frei fließen. Oder hast du schon mal befreit aufatmen können, während du die Schultern nach vorn ziehst und in gebückter Haltung auf dem Stuhl sitzt? Einem komprimierten Brustkorb fehlt der Raum, den der Atem für seine Freiheit braucht. Nun gibt es unterschiedliche Atemtechniken im Yoga. Doch bevor wir diese erlernen, gilt es ein Gefühl für die Atemräume zu kultivieren.

Kindern liegt die Bauchatmung natürlicherweise. Sie geht im Erwachsenenalter gern verloren, gilt aber als die wichtigste Atmung. Somit zählt der Bauch zu einem essenziellen Atemraum. Der Brustraum kommt vor allem bei körperlicher Anstrengung dazu. Denn mit der Atmung in den Brustraum kann der Körper mehr Sauerstoff aufnehmen. Eine Atmung in die Flanken schenkt Lunge und Herz mehr Platz. Auch der Rücken ist ein Atemraum, obgleich es der am schwierigsten zu spürende Raum ist. Doch gerade bei verspannten Schultern oder einem verspannten Rücken birgt das Atmen in den Rücken große Chancen für Schmerzlinderung.

Jede bewusste Einatmung in einen Atemraum oder in mehrere Atemräume kann ein Gefühl von Weite entstehen lassen. Der entsprechende Raum wird ausgedehnt. Mit der Ausatmung kann die Aufmerksamkeit entweder auf dem Gefühl liegen, wie sich der Atemraum wieder zusammenzieht oder auf dem Gefühl, den zuvor geschaffenen Platz auszufüllen und ihn zu genießen.

Raum im Geist

Die Enge im Geist ist vielleicht sogar diejenige, die uns am ehesten an einer Entwicklung hindert. Zu stark halten wir unbewusst an etablierten Mustern festen, lassen uns von Glaubenssätzen leiten, verschieben Erlebtes in bestimmte Schubladen (oder ordnen neue Situationen sofort etwas aus den Schubladen zu), sind konditioniert und spuren nach ungeschriebenen Regeln. Der Geist kann nicht nur extrem voll und laut sein, es kann sich dort auch unglaublich beengt anfühlen.

© Katta Zensen Photography

Raum im eigenen Geist zu schaffen, halte ich für die größte Herausforderung in der Yogapraxis. Eine Meditationsroutine kann hier helfen, sich behutsam an die Raumgestaltung heranzutasten. Auch das Experimentieren mit den Atemräumen kommt dem Geist zugute. Hilfreich ist es, wenn wir uns immer wieder bewusst werden, dass ein großer Prozentanteil dessen, was im Geist abläuft, unbewusst geschieht. Es gehört also auch der Wille dazu, im Geist aufzuräumen, die Perspektive zu wechseln und Platz für neue Gedankengänge zu schaffen. Und das immer wieder.

(Beitragsbild: © Katta Zensen Photography)



Anstehende Veranstaltungen mit Silke von Lebensflow:

# Yoga im Fotografie-Loft Wiesbaden-Naurod
# Thementag Entspannung "Breathe & Release" | 3. Oktober 2020 | Bildungswerk des Landessportbundes RLP, Mainz
# Thai Yoga-Specials 2020

2 Comments

  1. Avatar Andrea Gallai said:

    Zurückkehren in den Raum, der in jedem von uns da ist, und dort seine Ruhe finden, wann immer man will, das ist ein großes Geschenk, was man sich selbst machen kann. Immer wieder. Dort ist Stille, dort ist das Wahre, dort ist Tiefe, dort liegt die Kraft, dort wird aufgetankt, dort liegt der Schlüssel zu allem.
    Deine Gedanken dazu hast Du, wie immer liebe Silke, in wunderbare Worte verpackt.
    Danke! Und ganz schöne Fotos!

    Liebe Grüsse,
    Andrea

    18. Dezember 2019
    Reply
    • Ganz lieben Dank für Deine ergänzenden Gedanken zu diesem Thema, liebe Andrea! Wie immer sehr poetisch formuliert! Liebe Grüße zurück, Silke

      18. Dezember 2019
      Reply

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