Yoga & Co. – wie du deinen Unruhegeist bändigst

Yoga meint die Verbindung von Körper, Geist und Seele. Wenn wir also nur der Fitness wegen auf die Matte gehen, können wir uns ebenso gut in einer Turngruppe anmelden. Ein starker Körper ist natürlich ein feines Nebenprodukt, das sich auch positiv auf einen starken Geist auswirkt, aber das wachsende Bewusstsein hinsichtlich Gefühlen und Geisteshaltung ist essenziell. Yoga ist also vielmehr, wenn die Aktivität des Geistes eine besondere Qualität erlangt.

Vom Geist und unseren Gedanken

Der Geist ist mehr als der rein denkende Part hinter der Stirn. Auch die Psyche ist Teil des Geistes. Den Zusammenhang spürst du spätestens dann, wenn dir auffällt, welche Gedanken über das Verstehen von Information hinaus in dir auftauchen und welchen Einfluss sie auf deine Gefühlswelt sowie deine Handlung haben. Der Einfachheit halber verwende ich den Begriff Geist im Folgenden als „Überbau“.

Der Geist ist ein Kontrollfreak und eine Plappertasche – und gern auch ein Unruhestifter. Er hat zu allem eine Meinung, labert dir ständig dazwischen und will dir gern weismachen, dass du irgendetwas nicht kannst, für irgendetwas nicht gut genug bist oder die Person da drüben eh viel besser ist. Er schickt dir gnadenlos einen Gedanken nach dem anderen vorbei oder am besten mehrere durcheinander. Ein mitunter schlecht gemixter Cocktail aus Wissen, Informationen, Erfahrungen, Träumen und Fantasie – und ein Cocktail mit Nachwirkungen.

Manchmal hat die Platte im Kopf auch einen Sprung. Ließe sich die Lautstärke hinter der Schädelplatte in Dezibel messen, dürfte es mitunter ganz schön laut sein. Es heißt, dass rund 70.000 Gedanken am Tag durch unseren Kopf schießen. Ein riesiger Prozentanteil davon ist unbewusst und sogar negativ. Das Unterbewusstsein ist in der Lage, bis zu 80.000 Informationen pro Sekunde (!) aufzunehmen und zu verarbeiten. Damit ist es tausendfach schneller als unser bewusste Verstand.

Vom Geist, unseren Gedanken und Gefühlen

Der Geist ist ein Meister darin, dir Katastrophenszenarien in den wildesten Ausschmückungen zu präsentieren, die selbst in abgeschwächter Form in den seltensten Fällen eintreffen werden. Doch was passiert? Du reagierst – unbewusst – auf diese Gedanken. Denn sie haben eine immense Kraft. Deine Gefühle fahren Achterbahn und landen im schlimmsten Fall im Keller. Diese negative Gefühlswelt beeinflusst wiederum deine Gedanken. Und dann? Du ahnst es bzw. wirst es kennen …

Der Geist ist auch ein Meister der Identifikation. Er identifiziert sich mit Sehnsüchten, mit Wünschen, mit Hoffnungen, mit Materiellem. Jede Identifikation, der wir nachgeben, zieht in der Regel eine neue nach sich. Und damit ist der Kreislauf in vollem Gange.

Der Geist verdient somit auch den Namen Unruhegeist.

Doch seine Aufgabe ist es (auch), uns Gedanken zu schicken. So ist er konstruiert. Die hohe Kunst ist es, diesen oft unerwünschten Gedanken- und Gefühls-Lieferservice einzudämmen und sich mit ihm zu versöhnen. Ihm dabei zu helfen, Ruhe zu finden. Und ihn sich zum Freund zu machen. Denn wenn er dazu fähig ist, unsere Stimmung negativ zu beeinflussen, sollte es auch umgekehrt funktionieren. Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, die für sich selbst passende Form zu finden, sind hier gefragt.

Was kann Yoga?

Im Yoga Sûtra von Patañjali steht, dass Yoga der Zustand sei, in dem sich die Bewegungen des Geistes in Stille bündeln: „yogaścittavṛttinirodhaḥ“ heißt es im Kapitel 1.2. Gemeint ist damit die Fähigkeit, sich ohne Ablenkung auf einen Gegenstand oder eine Fragestellung auszurichten oder dort in Ruhe zu verweilen.

Klingt erstrebenswert, aber wie kann das gehen?!

Asanas

Das Erste, was wir im Westen meist mit Yoga verbinden, sind die Asanas (Körperhaltungen) – das, was symbolisch für Yoga gern auf Fotos präsentiert wird und auch mal mit Akrobatik verwechselt werden kann. Die Asanas sind nur ein Teil auf dem achtgliedrigen Yogapfad, aber sicherlich der Teil, der erst einmal am Zugänglichsten für die meisten Menschen bei uns ist.

Auch wenn meine Asanapraxis im Laufe der Jahre an Tempo verloren hat (nicht zu verwechseln mit Intensität – die hat eher zugenommen!), verstehe ich, warum manche Menschen flottes, kraftvolles Vinyasa lieben: Einatmen hoch, Ausatmen runter, Einatmen nach vorn, Ausatmen nach hinten. Da hat der Geist einfach keine Gelegenheit, an etwas anderes zu denken.

Allerdings kann auf diese Weise (vor allem bei Ungeübten, die noch kein Gefühl für ihre individuelle Ausrichtung in den einzelnen Haltungen etablieren konnten) das Verletzungsrisiko steigen. Das längere Verweilen in einer Asana und der Versuch, den Körper dort zur Ruhe kommen zu lassen, kann eine ähnliche Wirkung haben: Wenn du das Gefühl hast dich zu fordern, wird dein Geist dir kaum deine To Do-Liste vorbeten oder dir vom anstehenden Abendessen vorschwärmen. Doch längeres Halten ist für viele Yogapraktizierende die ungeliebtere Form, weil es unbequem werden kann und keine Ausweichmöglichkeiten gibt wie in der dynamischen Variante.

Ich meine jedoch, dass die gleichmäßige Ausführung von Asanas – aus einer stabilen Grundhaltung beginnen, achtsam in eine Haltung hineinfließen, dort verweilen, achtsam wieder in die Ausgangsposition kommen – dem wahren Kern von Yoga (im Sinne der Asanapraxis) entspricht:

„Wenn Gedanken und Eindrücke im gleichmäßigen Strom den Geist durchfließen, sammelt sich der Mensch – das ist Yoga.“ (Yoga Sûtra III.12 | Definition laut R. Sriram, „YOGA – Neun Schritte in die Freiheit“ – Buchtipp*)

Bleibst du einige Atemzüge in einer Ruheasana, wie z. B. dem Kind, sieht das wieder ganz anders aus. Eine vermeintlich langweilige, nicht-fordernde Haltung bietet dem Geist Raum, sich bemerkbar zu machen. Hier gilt es, sich auf den Atem zu konzentrieren oder auf ein aufsteigendes Gefühl – und die Gedanken wie Wolken vorbeiziehen zu lassen.

Atemtechniken

Unter Pranayama verstehen wir im Yoga die Atemübungen. Ohne an dieser Stelle auf eine bestimmte Atemtechnik eingehen zu wollen, lässt sich zusammenfassen: Wenn du deinen Atem bewusst tief und ruhig fließen lässt, eröffnest du deinem Geiste die Chance, ruhig zu werden. Denn das eine hängt mit dem anderen zusammen.

Meditation

Meditation kann eine hilfreiche Methode sein, den Geist auszurichten. Einfach jedoch ist sie keinesfalls. Die Idee ist nicht, den Geist auszuschalten. Denn einen Ausknopf gibt es nicht.

Wenn der Geist wach bleibt und gleichzeitig still wird, beginnt Meditation. Es ist eine Form der Zentrierung und Ausrichtung. Je rastloser der Geist ist, desto herausfordernder gestaltet sich die Meditation – und ist vielmehr wie eine Flucht aus der Realität.

Vor der Meditation, steht Pratyahara, der Rückzug der Sinne. Es kann sinnvoll sein zunächst, z. B. mittels der Asanapraxis und/oder Pranayama, den Geist zu beruhigen, und anschließend in die Meditation zu gehen. In stiller Offenheit kann sich der Geist auf ein Motiv ausrichten, das ihm Orientierung bietet. Das kann beispielsweise der Atem sein, ein Mantra oder ein bestimmter Gegenstand.

In der Meditation darfst du geschehen lassen. Du brauchst nichts zu analysieren, zu erklären oder zu interpretieren.

Es muss nicht immer Yoga sein

Yoga kann viel, ist aber nicht jedermanns Sache. Ich liebe Yoga und schätze die vielen Vorteile. Doch ich liebe es auch, mich in der Natur zu bewegen: Ein stiller Waldlauf, Schwimmen (draußen, ohne zu viele Menschen) oder Mountainbiken – dabei kann sich mein Unruhegeist beruhigen. Es ist nicht so, dass die Gedanken aufhören. Aber sie werden stiller, zentrierter und fokussierter – und was mir geschickt wird, ist so viel kreativer und nützlicher als diese ganzen wilden Horrorszenarien und einander ähnelnden Einfälle, wenn ich z. B. einfach am Tisch sitze. Sport kann also – neben Yoga – als Geistdompteur fungieren.


Natürlich gibt es noch viel mehr Möglichkeiten, den Geist zu beruhigen und ihn sich zum Freund zu machen. Aber das würde den Umfang des Artikels sprengen. Hast du eine Methode für dich gefunden, wie du deinen Unruhegeist bändigst?



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