Gratwanderung: fordern und überfordern in der Yogapraxis

Die wahre Yogapraxis (hier vor allem bezogen auf die Asanapraxis) beginnt im Grunde dort, wo wir unsere Komfortzone verlassen. Denn erst hinter dieser Zone setzt die tatsächliche Entwicklung ein. Bequem ist es dort in der Regel nicht, dafür enorm spannend. Innerhalb der Komfortzone hingegen ist es vertraut, geborgen, kuschelig und vermeintlich sicher. Doch dafür geht es auch nicht vorwärts.

Allerdings warten außerhalb der Komfortzone auch Ängste und Zweifel auf uns – und eine Gratwanderung, bei der wir uns immer wieder zwischen Forderung und Überforderung bewegen und neu justieren müssen.

Doch woher um Himmels willen wissen wir, wo die Forderung endet und die Überforderung beginnt?!

Fordern versus überfordern

Dass wir uns in unserer Yogapraxis fordern sollten, ist sicherlich unumstritten. Allerdings beobachte ich immer wieder, dass der Grat zwischen fordern und überfordern enorm schmal ist. Ohne sensible Körperwahrnehmung und mit starkem Ego ist das schwer zu spüren.

Sich fordern

Wenn du dich forderst, spürst du deine Muskeln auf angenehme, aber durchaus anstrengende Weise. Du merkst: Es tut sich was. Und machmal möchte dich dein Schweinehund davon abhalten. Er liebt es nämlich innerhalb der Komfortzone.

Mit der richtigen inneren Einstellung kannst du dem Schweinehund ein Schnippchen schlagen, weil du es genießt, dich zu fordern – und die anschließende Entspannung so unglaublich wohlig ausfällt. Wenn du das passende Energielevel hast (z. B. erreicht durch Schlaf, Nährstoffe durch deine Ernährung, den richtigen Hormonhaushalt, gute Laune, Disziplin und Biss etc.), kannst du dir selbst ein kleines Lächeln auf die Lippen zaubern, um dir vorzugaukeln, dass in jeder Anstrengung eine Schippe Leichtigkeit stecken kann (oder vielmehr: stecken sollte).

Am nächsten Tag wirst du vielleicht an den Vortag denken. Aber nicht mit Muskelkater, der dich lahmlegt, sondern mit einem wundervollen Gefühl im Körper, etwas getan zu haben. Du spürst förmlich, wie deine Muskeln wachsen – und wie sich deine mentale und emotionale Stimmung diesem Gefühl angleicht.

Sich überfordern

Vorweggenommen: Sich zu überfordern ist nicht gut! Überforderung kann einhergehen mit Schmerz – der übergangen wird –, mit stockendem oder angehaltenem Atmen, mit einer abgrundtiefen Verzweiflung oder unfassbaren Erschöpfung. Überforderung kann sich unterschiedlich äußern und das macht es mitunter auch so schwierig von dem „sich fordern“ zu unterscheiden. Schließlich spielt, wie oben erwähnt, auch die Tagesform eine Rolle. Haben wir schlichtweg einfach nur keinen Antrieb oder Bock uns zu fordern, kann sich das wie überfordern anfühlen – obwohl da eigentlich noch Luft wäre.

Anzeichen für Forderung

Es ist überaus nützlich, eine gute Körperwahrnehmung zu etablieren. Lohnenswert kann es auch sein, die eigene Sensitivität ernst zu nehmen.

Woran erkennst du nun, dass du dich forderst, aber nicht überforderst?

  • Deine Muskeln zittern, aber du kannst noch tief atmen.
  • Dein Geist will dir suggerieren, dass Variante 1 viel bequemer wäre – obwohl du Variante 2 noch ganz gut bewältigen kannst.
  • Dein Geist geht auf Abwehr, z. B. in der Meditation.
  • Du spürst in deinem Inneren ein Feuer, das dich begeistert.
  • Du fühlst eine unbändige Energie, trotz aller Anstrengung.
  • Eigentlich würdest du gern laut schreien, weil es unbequem wird – aber trotzdem ist irgendwie alles fein.
  • Schweiß tropft auf deine Yogamatte, aber du fühlst dich sooooo gut dabei.
  • Du gleitest mühelos und tief in Savasana, die Endentspannung.
  • Dir laufen die Tränen, weil sich innerlich etwas gelöst hat – was du möglicherweise nicht in Worte fassen kannst, sich aber richtig anfühlt.
  • Du schwebst aus der Stunde, hast ein (inneres) Lächeln auf den Lippen und fühlst dich rundum „durchgeknetet“ und wohl.

Anzeichen für Überforderung

  • Dein Atem verabschiedet sich – du atmest nicht mehr gleichmäßig, der Atem stockt oder wird flach.
  • Du spürst einen unangenehmen Schmerz, z. B. bei einer Dehnung, übergehst ihn aber.
  • Dein Ego möchte unbedingt Armbalance xy schaffen, obwohl du merkst, dass dir noch die nötige Stabilität und Kraft in der Basis fehlt.
  • Noch eine Sekunde länger bleiben und du kippst um oder klappst zusammen.
  • Du hast nicht mehr ausreichend Energie, um genauso sauber aus der Asana herauszukommen, wie du hereingekommen bist.
  • Du könntest heulen, weil du einfach nicht mehr kannst.
  • Der Assist des Yogalehrers ist dir zu harsch und unsensibel. Kommuniziere das unbedingt, bevor dein Körper eine langwierige Erinnerung daran hat!
  • Du bist nach deiner Yogapraxis völlig erschöpft, auf unangenehme Art und Weise.


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