Wie sage ich’s? Anrede im Yogaunterricht

Die Form der Anrede im Yogaunterricht gehört genauso zur (verbalen) Gestaltung des Kurses wie die Sprache und die Wahl der Worte. Mich in meinem Ausdruck auszuprobieren, mit Sätzen und Bildern zu spielen, betrachte ich als Teil meiner Entwicklung als Yogalehrerin. Abgesehen davon macht mir der Umgang mit Worten großen Spaß, deswegen gibt es ja auch meine Wortschusterei.

Der Ausdruck ist das eine, die Anrede das andere.

Von „Herabschauender Hund bitte“ über „Bring deinen rechten Fuß nach vorn“ bis „Wir strecken die Arme nach oben“ – Ich habe schon viele Varianten der Anrede im Yogaunterricht erlebt. Nur das Siezen ist mir noch nicht untergekommen.

Es ist einer der Bereiche, in denen die Meinungen auseinandergehen.

Ich, du, wir, man, es – was nun?

Gelernt, für nachvollziehbar befunden und angewöhnt habe ich mir die Du-Form. Weil sich die Teilnehmer so persönlich angesprochen fühlen (können). Ist jeder auf seiner eigenen Matte angekommen, besinnt sich auf den individuellen Atem und die persönliche Körperwahrnehmung oder ist in die Meditation versunken, empfinde ich ein „du“ als stimmig. Die Ansagen erreichen so jeden Einzelnen direkt.

Doch rede ich am Stundenbeginn oder in Workshops mit der gesamten Gruppe, bringe ich ein „du“ schlichtweg nicht (mehr) über die Lippen. Es fühlt sich für mich völlig schräg an, in zehn, 15 oder 20 Gesichter zu schauen, etwas zu erzählen oder zu erklären und „du“ zu sagen. Natürlicherweise sage ich „ihr“, denn ich spreche ja mit der Gruppe und nicht mit einer einzelnen Person. Ich hatte noch nie den Eindruck, dass sich deswegen jemand nicht angesprochen gefühlt hätte.

Richtig oder falsch?

In den letzten Monaten merke ich: Es verändert sich etwas bei mir. Immer häufiger erwische ich mich dabei, wie mir bei allgemeinen Erklärungen ein „wir“ über die Lippen kommt, wie sich je nach Kontext ein „ihr“ einschleicht oder ich mal eine neutrale Variante wähle. Als wäre das reine „du“ nicht das einzig Wahre.

Die neutrale Form ist übrigens im Anusara® Yoga sehr üblich. Dieser Yogastil steht für eine kreative Sprache und spricht sich gegen „Befehle“ aus. Sage ich zum Beispiel „Strecke deine Arme nach oben“, dann ist das die Befehlsform. Darüber lässt sich sicherlich diskutieren. Ich persönlich empfinde es nicht als Befehl. Es hängt von der Wortwahl, vom Tonfall und dem wertschätzenden Umgang im Unterricht ab.

Ein Richtig oder Falsch gibt es sicherlich nicht. Doch die gewählte Anrede sollte zu mir passen und nicht aufgesetzt sein, dann wirkt sie auch überzeugend.

Anregungen

Am Anfang deiner Unterrichtskarriere wirst du sicherlich so unterrichten, wie du es in der Ausbildung gelernt hast und Vieles übernehmen. Aber mit der Zeit wird dein Unterricht immer mehr seinen eigenen Stil bekommen; dazu gehört auch die Sprache und die Art der Anrede. Denn du sammelst Erfahrungen, du bildest dich weiter, du reflektierst und veränderst dich. Und es ist legitim – wenn nicht absolut empfehlenswert – vermeintliche Standards zu hinterfragen.

Wichtig ist meiner Meinung nach, dass du dich als YogalehrerIn mit deiner Wahl der Anrede wohlfühlst. Sonst kommst du gekünstelt rüber. Auch wenn sich das Wort inzwischen ziemlich ausgeleiert anhört: Authentizität ist so wichtig. Das gilt auch für die Art und Weise, mit deinen Teilnehmern zu sprechen. Und im Zweifelsfall: einfach mal nachfragen, mit welcher Form sich deine TeilnehmerInnen am ehesten identifizieren.

Wie geht es dir in deinem Yogaunterricht mit der Anrede? Welche verwendest du und warum? Und wie fühlst du dich als TeilnehmerIn einer Stunde gern angesprochen? Oder spielt das für dich keine große Rolle? Mich interessiert deine Meinung, hinterlasse gern einen Kommentar dazu!




Aktuelle Yoga- und Thai Yoga-Veranstaltungen mit Silke von Lebensflow:

# Yoga-Retreat "Bodenhaftung" (8.-10. November 2019, Köngernheim)
# Thai Yoga-Specials
# Thai Yoga-Ausbildungen

4 Comments

  1. Avatar Petra Padma said:

    Liebe Silke, liebe Lela,
    sehr interessiert habe ich Euer Gespräch gelesen… Das DU fühlt sich für mich immer noch sehr schön an, aber das WIR kommt nun immer häufiger, besonders seit ich mit Anusara begonnen habe. Es ist so schön im Yoga die Verbindung zu den anderen Yoginis und Yogis zu spüren und auch so ergibt sich daraus meine Auffassung eine Yogalehrerin zu sein, aber zu jedem Zeitpunkt, auch im Untericht, eine Schülerin. Meine Yoginis und Yogis sind meine Teilnehmer und wir sind auf einem gemeinsamen Weg . Danke sehr für Eure inspirierenden Gedanken und Worte

    7. Juli 2019
    Reply
    • Liebe Petra, lieben Dank für Deine Zeilen! So ähnlich geht es mir auch. Vielleicht ist das der Hintergrund, warum ich immer öfter ein „wir“ einflechte: die Verbindung, das Miteinander, die Gemeinschaft. Das macht das „du“ für mich nicht entbehrlich, sondern die beiden ergänzen sich gut – je nach Situation und Inhalt.

      8. Juli 2019
      Reply
  2. Avatar Lela said:

    Danke für deinen Artikel. Über dieses Thema grübelte ich auch nach. In der Ausbildung wurde ich angehalten das du anzuwenden. In meinen Stunden verwende ich das ihr. Anders fühlt es sich für mich eigenartig an. Trotzdem war ich verunsichert. Für mich konnte ich die Frage beantworten, als ich unterschiedliche Yogalehrer ausprobierte.
    Hier wurden alle Varianten praktiziert. Und wie du schreibst – wohl fühlte ich mich bei denen, die authentisch klangen.

    Mich würde auch sehr interessieren, was du von den Worten Lehrer / Schüler hältst?

    Lela

    6. Juli 2019
    Reply
    • Liebe Lela, dankeschön für Deine Gedanken dazu! Der Begriff „Yogalehrer“ ist für mich irgendwie fest, einfach als Beschreibung meiner Tätigkeit. Aber ich persönlich spreche nie von Schülern, sondern von Teilnehmern. Da ich mich selbst jederzeit auch als Schüler begreife, würde für mich innerlich eine Diskrepanz aufklaffen, wenn ich meine Teilnehmer Schüler nenne. Außerdem sind darunter immer wieder einige, die selbst Lehrer sind. Auch wenn ich Impulse, Orientierung, Inspiration, Wissen etc. als Yogalehrer teile, möchte ich mich nicht auf eine Art Thron hebe, indem ich von Schülern spreche. Das klingt als müssten sie lernen und ich würde alles wissen. Tue ich aber nicht. Und sie müssen nicht, sie dürfen und können. Ich weiß gerade nicht, wie ich es anders beschreiben soll …

      6. Juli 2019
      Reply

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